Land in Sicht – da vorne ist Kanada!

Tine im Olympic National Park

Das ging jetzt schnell, oder? Gerade eben sind wir noch in Portland, haben zum Wandern nur kurz Washington betreten und auf einmal schreiben wir von Kanada. Genau so geht es mir an dem Tag, an dem wir Portland verlassen. Weil ich die Nacht zuvor nicht schlafen konnte, übernimmt Tine die Fahrerei während ich selig auf dem Beifahrersitz schlummere…bis ich irgendwann auf der olympischen Halbinsel aufwache. Wir fahren nämlich zum Olympic National Park, westlich von Seattle. Unser Campingplatz liegt in der Nähe von Port Angeles und von dort kann man einfach über das Wasser hinweg Kanada sehen – Vancouver Island um genau zu sein. Irgendwie ist das ein schönes Gefühl, sein Ziel endlich vor Augen zu haben und dabei trotzdem noch den Weg zu genießen. Unser Platz ist schnell gefunden, das Zelt fix aufgebaut und die ersten Einkäufe erledigen wir auch direkt. Für unsere Hängematten gibt es leider keinen Platz und Schatten ist auch eher dürftig – weshalb wir meist ein bisschen Schatten bei unseren Nachbarn in Anspruch nehmen, wenn die nicht da sind. Aber Psssst!

Urlaub vom Urlaub?

Schneefeld im Juli im Olympic National Park
Wer hat Lust auf Schnee im Juli?

Was wir beide mittlerweile merken: Wir sind müde. Auch Reisen kann anstrengend sein und wir brauchen mittlerweile deutlich mehr Motivation um uns zu neuen Erkundungen aufzuraffen. Wir verbringen aber trotzdem den ersten vollen Tag damit, auf die Hurricane Ridge hochzufahren, um oben in den Bergen wandern zu gehen. Der Weg, den wir uns ausgesucht haben, ist zwar wegen Bauarbeiten gesperrt, aber wir erklimmen dann doch noch einen anderen Gipfel, genießen die Aussicht und kommen sogar an Schneeresten vorbei – im Juli.

Hier kann man sich schön verlieren

Für eine Schneeballschlacht hat es nicht gereicht, aber schön war’s trotzdem. Auf dem langen Weg bergab gab es dann noch einen Zwischenstopp: Versteckt in einem der Campingplätze des Nationalparks liegt ein kleiner Wanderweg, der einen nach wenigen Schritten in urwaldartiges Grün entführt. Hier vergisst man nach kurzer Zeit schon die Zivilisation, begegnet kaum anderen Menschen. Wir haben ziemlich wenig Worte miteinander gewechselt, als wir durch diesen Märchenwald gegangen sind. Bis ganz ans Ende haben wir es aber nicht geschafft, der Pfad wurde immer überwucherter und der Tag immer länger. Das ist ein bisschen das Problem mit vielen Wanderwegen hier: Wenn man den selben Weg hin und zurück laufen muss, fällt es einem immer schwerer, noch weiter zu gehen – schließlich muss man jeden Hügel, den es bergab geht, später wieder hoch. Wir brauchen definitiv mal wieder eine längere Pause.

Little Italy im Olympic National Park

Um uns für unsere Wanderungen zu belohnen, gönnen wir uns am Abend dann auch etwas leckeres zum Essen: Wir machen frischen Salat und dazu gibt es dann Tortellini mit Pesto. Soulfood wie wir es schon lange nicht mehr hatten! Die Nächte werden hier sehr schnell sehr frisch (damit kennen wir uns ja aus) und mittlerweile bin ich auch gut im Lagerfeuer machen. So kann man den Abend auf jeden Fall ausklingen lassen. Und wenn man die Augen zusammen kneift und das Pesto riecht, kommt man sich fast vor wie beim Urlaub in Italien.

Also machen wir uns erholt und teilweise motiviert am nächsten Tag auf den Weg, um in natürlichen heißen Quellen zu baden und ein paar Wasserfälle zu sehen. Also zumindest Tine ist motiviert. Der Weg dorthin führt uns am wunderschönen Lake Crescent entlang, den wir dank der Baustelle dort ausgiebig genießen können. Nachdem im Columbia River Gorge schon viele Sehenswürdigkeiten durch Waldbrände geschlossen waren, haben wir uns zumindest im eher feuchten Klima des Olympic National Park mehr Glück erhofft. Größere Waldbrände gab es hier zum Glück keine, durch die etwas gesperrt ist, dafür dann aber einen Erdrutsch, der uns die Zufahrt zu den Wasserfällen und den heißen Quellen verwehrt. Stattdessen müssen wir uns dann mit dem Fluss begnügen und werden ein bisschen zu Landschaftsgärtnern. Während Tine die Aussicht genießt und Fotos macht, kommt das Kind in mir raus und ich kann im Flussbett neue Kanäle graben und das Wasser umleiten. Ein Traum!

Wasserfälle, die seitwärts fallen

Nichtsdestotrotz fahren wir noch weiter, um die Sol Duc Fälle zu besuchen: Die fallen irgendwie seitwärts und sind mit das bekannteste Fotomotiv im gesamten Nationalpark – das lassen wir uns natürlich nicht entgehen! Und um dem Italien-Urlaub abzurunden, gönnen wir uns zum Abendessen dann Pizza, die wir auf dem Pier von Port Angeles vernaschen. Schnell noch kurz der Sonne beim Untergehen hinter einem Frachtschiff zuschauen und dann ab ins Bett. Also zumindest ins Zelt.

Ein Traum in Lila

Tine im Lavendel
Wer genau hinschaut, sieht eine glückliche Tine

Was macht man, wenn der Partner keine Lust mehr auf Wanderungen hat? Genau, man fährt einfach mit dem Auto eine 15 km lange Dirt Road auf einen Berg hoch und geht dann dort wandern. Da kann er dann nämlich nicht wegrennen. Und wenn man dann aufs Runterfahren keine Lust mehr hat, klimpert man einfach mit den Wimpern und bittet eben jenen Partner, das Fahren zu übernehmen. Also habe ich die Ehre, nach der überwältigenden Aussicht im Deer Park und beim Blue Mountain, uns zusammen mit Red Beast wieder sicher auf Meereshöhe zu bringen. Das dauert zwar ein Weilchen, aber schlussendlich sind wir wieder auf festen Straßen unterwegs. Bevor wir uns aber endgültig auf den Weg machen, gibt es noch ein kleines Highlight: Die Olympic Peninsula ist unter anderem auch für den Lavendelanbau bekannt. Der sprießt hier nämlich überall und gedeiht in dem Klima wohl besonders gut. Deshalb kehren wir noch eben auf einer Farm vor einem hübschen Hotel ein, schnuppern und cremen unglaublich viel, bevor es als Belohnung noch Eiscreme gibt – natürlich mit Lavendelgeschmack. Und so gestärkt wird es dann tatsächlich Zeit, aufs Festland zurückzukehren. Wir überqueren unsere erste Mautbrücke und sparen so eine gute Stunde. Als wir den Verkehr auf der Gegenfahrbahn sehen, wirkt es, als würde der gesamte Bundesstaat auf die Halbinsel fahren wollen – wir hatten mal wieder perfektes Timing. Und kurz bevor wir unser Ziel erreichen erschlägt uns der Mount Rainier am Horizont mit seiner beeindruckenden Silhouette.

Campen wie die Profis

Das Zelt ist schnell aufgeschlagen, wir sind ja mittlerweile auch gut in Übung. Unser letztes Mal Camping in den USA. Wirklich viel werden wir hier nicht unternehmen. Wir sind in Tacoma, kurz vor Seattle, haben uns einen Campground mit Stromanschluss gegönnt und arbeiten nochmal ein bisschen: Wir kümmern uns um letzte Details für die Einreise und den Import des Autos nach Kanada, schreiben Blogbeiträge und leben das Leben insgesamt sehr entspannt. Eine asiatische Großfamilie schlägt am zweiten Tag ihr Camp direkt neben uns auf. Denen beim Zelte Aufbauen zuzuschauen ist eine ganz eigene Form der Unterhaltung: Während zwei Leute beim Aufbau fast verzweifeln, steht und sitzt der Rest eher hilflos daneben. Als man sich schon fast erbarmen und ihnen helfen möchte, kriegen sie es dann doch irgendwie auf die Reihe, ihre Zelte ein wenig windschief auf ihrem Platz zu verteilen. Unser spannendster Ausflug führt zum Walmart. Ansonsten machen wir wirklich nichts mehr. Außer nach zwei Nächten nach Seattle zu fahren. Und auch dort merken wir: Die Luft ist wirklich langsam raus. Wir machen zwar ein bisschen Sightseeing, aber auch nicht so viel, wie man vielleicht machen könnte.

Seattle für Faule

Irgendwo im Hintergrund kann man manchmal Mount Rainier sehen

Am ersten vollen Tag wollen wir zum japanischen und in den botanischen Garten. Wir fahren am ersteren vorbei, der leider noch geschlossen hat, nehmen dann aber eine falsche Abfahrt und landen flugs wieder auf einer Mautbrücke, die uns aus Seattle herausführt. Um $2,80 zu sparen, fahren wir also wieder einen Schlenker an unserer Wohnung vorbei und kommen schließlich nach einer halben Stunde wieder beim japanischen Garten an. Diesmal hat er sogar offen, wir gehen rein und genießen die Anlage. Die Teiche sind leider ein bisschen stark von Algen befallen, trotzdem sieht man riesige Kois zusammen mit Schildkröten herumschwimmen. Im botanischen Garten hängen wir dann in einer ruhigen Ecke unsere Hängematten auf und verbummeln dort den Nachmittag. Auf dem Heimweg fahren wir dann noch an einer Trollskulptur unter einer Brücke vorbei und zu einem der besten Aussichtspunkte über die Skyline.

Ein Troll mit VW Käfer in der Hand – einfach so

Es ist leider zu diesig, um Mount Rainier nochmal zu sehen, aber ein Postkartenmotiv mit Space Needle im Vordergrund ist es allemal. Wir erkunden natürlich auch die eigentliche Innenstadt, inklusive dem absoluten Gipfel des Ekels: Die Gum Wall. Eine Wand, an der Tausende Menschen ihre Kaugummis und diverse Nachrichten befestigen. Und mit befestigen meine ich: Die gekauten Kaugummis werden an diese Wand geklebt. Tine ist fasziniert, ich bin würgreiz-induziert. Die Luft riecht nach gekautem Kaugummi und nach Milliarden von Bakterien, die hier im Zentrum einer westlichen Großstadt eine ganz eigene Metropole aufgebaut haben. Wunderschön, da muss man natürlich hin. Da ist mir das Geschäft lieber, in dem sich alles um Landkarten dreht und in dem wir auch noch ein Weilchen stöbern.

Wer möchte mal anfassen?

Gitarren und so

Ich würde ja gerne eine davon mitnehmen

Trotz aller Reisemüdigkeit gönnen wir uns tatsächlich nochmal ein Highlight in Seattle, was wir seitdem jedem ans Herz legen: Das Museum of Pop Culture ist schon als Gebäude interessant, die Ausstellungen super spannend: Nirvana und Jimi Hendrix in jeweils separaten Räumen, eine komplette Halle mit Indie Games und ein riesiger Turm aus Gitarren und anderen Musikinstrumenten, die teilweise automatisch bespielt werden, nehmen uns voll und ganz in Anspruch. Und dann kommt das Music Lab: Musikinstrumente zum Ausprobieren, E-Gitarren, Bässe und Schlagzeug, Keyboards und Mikrofone: Hier kann jeder seine eigene Band starten. Es gibt sogar eigene Räume zum Jammen mit mehreren Leuten. Einer davon ermöglicht auch 10-minütige Aufnahmen. Die Redaktion behält sich aber vor, diese aus Gründen der Selbstachtung nicht zu veröffentlichen. Vielleicht existiert solch eine Aufnahme auch gar nicht. Die Menschheit wird es wohl nie erfahren.

Galerie mit allen Fotos aufrufen

10 Kommentare bei „Land in Sicht – da vorne ist Kanada!“

  1. Hey ihr zwei,

    die Beiträge sind einfach immer mega toll und amüsant geschrieben 🙂
    Ich wünsche euch noch ganz viel Spaß auf eurer weiteren Reise 🙂

    Viele Grüße aus „Berlin“

    1. Vielen Dank, auch wenn uns jetzt langsam das Material ausgehen wird. Wer will schon über Wohnungssuche in Vancouver lesen? 😛

      Liebe Grüße nach „Berlin“ zurück“ 🙂

  2. Wieder tolle Beiträge. Tines Onkel Detlef hat den Jimmy Hendrix auf dem Oberarm.. Jugendsünden!!
    Viel Spaß weiter so.
    Viele liebe Grüße Euch Beiden
    0+0

    1. Dankeschön. Der Hendrix macht sich doch gut als Tattoo…ob das wirklich eine Jugend“sünde“ ist, darüber lässt sich doch streiten 🙂

      Liebe Grüße an euch Beide 🙂

  3. Sehr süß, wirklich. Ich sehe, Tine hat dich, Primin, voll im Griff! 😛
    Das ist ja auch gut und richtig so.

    Habt ihr eigentlich auch ein paar Vampire gesehen? Die jagen doch da im grünen Urwald. Wenn man amerikanischen Blockbustern glaubt, kann man in Port Angeles super Abendkleider shoppen und Bücher über Werwölfe kaufen. Und in Seattle schleichen ohnehin jede Menge Blutsauger rum. Ist echt alles so wolkig und grün, wie in Twilight?! Wenn ich die DVD das nächste Mal (auf französisch aber nur, sonst ist das nicht zu ertragen!) ansehe, werde ich an euch denken. 🙂

    Ganz liebe Grüße aus dem sehr sonnigen, sehr sommerlichen Basel

    1. War schon klar, dass dir das wieder gefällt. Du könntest aber wenigstens versuchen, dir bei der Schreibung meines Namnes mehr Mühe zu geben 😛

      Klar, die haben auch ganz doll geglitzert weil wir so schönes Wetter hatten. Das war richtig toll. Werwölfe waren aber leider keine zu sehen, aber vielleicht waren die auch nur gerade als Menschen unterwegs 😀
      Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich leider nicht weiß, wie das in Twilight aussieht, die Landschaft ist aber doch sehr grün und teilweise dschungelartig. Auf den Bildern im Beitrag kann man sich doch sehr gut auch ein paar dunkle Kreaturen zwischen den Bäumen vorstellen…

      Ganz liebe Grüße aus dem sehr wolkigen, endlich mal verregneten Vancouver (der Regen wäscht den Rauch aus der Luft und löscht hoffentlich ein paar der Feuer 🙂

  4. PS: Tine, das Haus gefällt mir auch. Ich hoffe, du lädst mich ein, sobald ihr euch dort eingerichtet habt! 🙂 🙂 🙂 Selbst, wenn es grad noch so in Amerika steht…

    1. Auch wenn ich nicht angesprochen war: Du bist herzlichst eingeladen, ab dem 1. September, buch doch schonmal deine Flüge 😉

  5. Hallo
    Habt Ihr Wohnung und Arbeit gefunden??
    Wir warten immer noch auf den Regen. Bei uns sind auch viele Waldbrände, kompliziert da in einigen Wäldern noch Munition liegt.
    Alles Liebe

    0+0

  6. Hallöchen!
    Man liest und hört nichts mehr von Euch???
    Habt Ihr Unterkunft gefunden? Hoffentlich ist es nicht so wie in Berlin, wo unendliche Schlangen stehen. Viel Erfolg! 6.09.18
    Lb. Gr.
    0+0

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