Deutschland vs. Kanada

Anmerkung: Der aufmerksame Leser wird erkennen, dass die Reihenfolge der Beiträge gerade nicht sehr chronologisch ist. Das ist Teil der „Experience“ und soll so sein. Alles von langer Hand geplant. Aber sicher doch!

Heute wird mal abgeschweift…abgeschwoffen…oder so. Wie ihr dem Titelbild entnehmen könnt, sind wir mittlerweile sogar in Downtown Vancouver eingeschneit – unfassbar für viele Menschen hier – und können deshalb gar nicht so viel unternehmen. Wir hätten zwar auch nicht wirklich die Zeit dazu, aber trotzdem merkt man doch, wie ein halber Meter Schnee mal eben so eine Großstadt lahm legen kann.

Deshalb haben wir uns überlegt, mal ein bisschen durchzuatmen und die letzten Monate Revue passieren zu lassen. Auftakt dazu war ja unser Jahresrückblick, den unzuverlässige Leser hier gerne noch nachlesen können 😉

Und weil euch allen die harten Zahlen und Fakten so gut gefallen haben, legen wir einfach noch eine Schippe drauf (Wortspiel beabsichtigt, Anm. d. Red.) und plaudern mal ein bisschen aus dem Nähkästchen: Viele Menschen, sowohl in Kanada als auch in Deutschland fragen uns nämlich immer wieder, ob und was wir an Deutschland vermissen und was uns hier besser oder schlechter gefällt.

Vorrundengeplänkel

Natürlich haben wir von Kanada bisher nur einen kleinen Teil gesehen und erheben hier keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Viele unserer Erfahrungen sind eher auf Vancouver oder British Columbia bezogen und klammern vor allem die Ostküste und insbesondere Quebec aus. Dort waren wir noch nicht und die kulturellen Unterschiede, gerade zum frankophonen Teil des Landes, sind dann doch nicht zu vernachlässigen. Jeder Schweizer weiß, wovon wir sprechen 🙂

Zu Beginn einfach mal ein paar Zahlen und Fakten:

KanadaDeutschland
Bevölkerung 36,712,658 82,792,351
Fläche 9.984.670 km²357.578 km²
Bevölkerungsdichte3,6 Einwohner pro km² 232 Einwohner pro km²

Wer nicht gerne an die Schulzeit zurück denkt und diese Tabelle einfach übersprungen hat (wir haben das BIP extra nicht aufgelistet), dem sei hier nochmal in Worten gesagt: Kanada ist riesig, an Landfläche fast 30 mal so groß wie Deutschland. Und leer ist es auch noch. Das haben wir auf unserem Trip in die Rocky Mountains schon gemerkt und da haben wir es längengradmäßig nichtmal annähernd bis zur Landesmitte geschafft.

Quelle: https://thetruesize.com/

Und bevor ihr jetzt anfangt, eure Bildschirme zu putzen: Der kleine grüne Schmutzfleck ist Deutschland. Und so breit, wie Deutschland ist, sind wir bisher von der Westküste nach Osten vorgestoßen. Wenn wir also gleich über Kanada sprechen, bezieht sich das dann doch eher auf den kleinen Ausschnitt, den wir bisher gesehen haben.

Play-offs

Das ist ja alles schön und gut, sagt ihr jetzt, aber was denkt ihr denn? Was gefällt euch? Und was nicht? Aufgepasst, jetzt wird es ernst!

Landschaft

Sonnenuntergang über Vancouver
Sonnenuntergang über Vancouver

Hier gibt es nicht viel zu diskutieren. Was die Landschaft angeht, gewinnt Kanada jeden Vergleich mit Deutschland. Hier in Vancouver erinnert die Landschaft (das Meer mal ausgeklammert) zum Beispiel sehr an den Schwarzwald – mit dem Unterschied, dass die Berge echte Berge sind und nicht nur große Hügel. Zwar sind die Schweizer Alpen meiner Meinung nach als Hintergrund schöner und beeindruckender, der in der Ferne thronende Mount Baker spielt seine Rolle als Schicksalsberg aber doch recht gut. Und dann noch das Meer mit den vorgelagerten Inseln und den Gebirgszügen auf Vancouver Island dazu…traumhaft! Und dabei haben wir noch nichtmal von den Rocky Mountains gesprochen. Das alles wird noch getoppt von der touristischen Erschließung der Landschaft. Von den Nationalparks und den Wanderwegnetzen hier in Kanada kann sich Deutschland gerne mal eine Scheibe abschneiden!

Menschen

Aufgepasst, hier kommen die Klischees und Vorurteile. Wir haben schon vor unserer Reise immer wieder gehört, dass die Nordamerikaner und damit auch die Kanadier zwar oberflächlich sehr freundlich sind, aber privat dann doch lieber unter sich bleiben. Und im Großen und Ganzen können wir das auch so unterschreiben. Die meisten unserer Freunde, die wir bisher kennen gelernt haben, kommen aus allen möglichen Ländern – eben nur nicht aus Kanada. Und die wenigen Kanadier, die wir zu unseren Freunden zählen, kommen allesamt nicht aus Vancouver. Wir haben dazu noch das große Glück gehabt, ein Haus mit Kanadiern zu finden, was unsere Chancen, ebensolche zu treffen, gleich vervielfacht hat.

Smalltalk

Dafür ist aber der generelle Umgangston extrem freundlich und offen. Smalltalk wird hier gerne gesehen und auch wenn sich viele deutsche Touristen gerne mal über das ständige „How are you?“ beschweren, werden wir das beide auch etwas vermissen. Man kommt hier einfach viel schneller mit Fremden ins Gespräch und es ist eigentlich auch nie schlimm, dass daraus keine tiefgründigen Freundschaften werden. Es macht einfach nur den Alltag so viel angenehmer.

Selbst die kleinste Interaktion kann einem so den Tag versüßen. Das reicht von kurzen Chats an der Supermarktkasse über den Bankangestellten beim Einzahlen des Paychecks bis hin zu den Kunden, mit denen wir uns beide im beruflichen Alltag unterhalten. In Deutschland will ich von den Angestellten eines Geschäfts meistens nur in Ruhe gelassen werden, weil ich das Gefühl habe, dass die mir meistens eh nur etwas aufquatschen wollen. Hier in Kanada wollen die das zwar auch, aber es ist keiner böse, wenn sich einfach nur eine kurze freundliche Unterhaltung über den süßen Hund da drüben entwickelt.

Vor ein paar Tagen erst kam eine ältere Dame zu mir in den Buchladen, nur um mir zu erzählen, dass sie auf der Straße einen Mann mit superschönem, langem Haar gesehen hat, auf das jede Frau neidisch sein sollte. Sie wollte das unbedingt jemandem erzählen, bevor sie das wieder vergisst und ich bin immer dankbar für Unterhaltung auf der Arbeit.

Und das Schönste: Wenn man mal keine Lust auf Smalltalk hat, steckt man sich einfach Kopfhörer ins Ohr, lächelt freundlich und genießt die Ruhe.

Hunde

Hundebesuch im Buchladen
Hunde sind die besten Kunden

Ja, Hunde sind eine eigene Kategorie. Was dagegen? Nein? Dachte ich mir! Wer etwas gegen Hunde hat, sollte den nächsten Absatz vielleicht lieber nicht lesen. Und eventuell sein Leben überdenken 😉

Aber im Ernst: Es gibt hier auffällig viele Hunde und die meisten davon sind auffallend gut erzogen. Die meisten werden nämlich von klein auf in Hundeschulen trainiert. Deshalb ist es in vielen Geschäften auch kein Problem, den Vierbeiner mit in den Laden zu bringen – mit Ausnahme von Lebensmittelgeschäften. Die Kanadier haben auch einen sehr offenen Umgang mit fremden Hunden, man fragt kurz Frauchen oder Herrchen, ob man streicheln darf, unterhält sich kurz und freut sich des Lebens. So einfach ist das. Hier spielt natürlich auch der Smalltalk wieder eine Rolle, aber generell ist der Umgang mit eigenen und fremden Hunden so viel entspannter und unverkrampfter als in Deutschland und dazu tragen die gut erzogenen Vierbeiner definitiv ihren Teil bei.

Bei uns im Buchladen ist beispielweise eines der ungeschrieben Gesetze, dass wer auch immer im Eingangsbereich eingeteilt ist, die Kollegen über Funk über die neusten Kunden mit Hunden auf dem Laufenden hält – damit jeder die Möglichkeit hat, kurz Hallo zu sagen. Das artet dann gerne auch mal in intensive Streichel-Sessions aus und das ist vor allem eins: Wunderbar

Essen

Last but not least: Lebensmittel. Und hier hat endlich einmal Deutschland die Nase vorn…aber auch nur teilweise. Was die Qualität und das Preis-Leistungsverhältnis angeht, vermissen wir beide tatsächlich die deutschen Supermärkte. Und das bezieht sich vor allem auch auf Fleisch und Käse – tierische Produkte also. Aber auch Gemüse ist meist verhältnismäßig teuer. Der einzige Punkt, der hier an Kanada geht, ist Fast Food. In dem Bereich ist die Landschaft einfach deutlich vielfältiger. Das heißt, es gibt mehr, als nur Burger und Sandwiches. Und die Burgerketten, die es hier gibt, sind einfach um Welten besser. Zwei Worte, eine Liebe: Five Guys!!!

Dafür muss man aber den deutschen Döner loben, der hier als „Donair“ mehr schlecht als recht imitiert wird. Das kanadische Nationalgericht ist übrigens ein hochwertiges Kunstwerk namens „Poutine“: Pommes mit Bratensoße und Kästestückchen. Das klingt schlimmer, als es ist, vor allem, wenn man das als Mitternachtssnack nach dem Ausgehen bestellt. Ansonsten hat man im Supermarkt ungefähr die selbe Auswahl, die Tiefkühlpizzen sind die gleichen wie bei uns und was man für Essen in Kanada mehr bezahlt, spart man wiederum bei den spottbilligen Softdrinks ein.

Trinken

Was wäre das bloß für ein Beitrag, ohne auf den Alkohol zu sprechen zu kommen? Natürlich müssen wir hier ein paar Dinge anmerken:

  1. Alkohol wird in fast allen Provinzen ausschließlich in speziellen Liquor Stores verkauft – man muss also immer in mehrere Läden, wenn man auch noch etwas zu trinken braucht
  2. Bier und Wein sind verhältnismäßig teuer. Umgerechnet zahlt man für ein Sixpack Bier ungefähr das gleiche wie in Deutschland für eine Kiste. Im Laden. Jap. Eine „günstige“ Flasche Wein fängt bei ca. 12€ an, billiger wirds dann im Karton. Spirituosen kosten dafür ungefähr gleich viel
  3. Ein reguläres Bier kostet dadurch in einer Bar eher so 5-6€
  4. Selbst wenn man günstig im Liquor Store einkauft, muss man sich gedulden, bis man zuhause ist – Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit ist nämlich strafbar. Das Gipfelbier beim Wandern muss man dann also doch eher heimlich trinken oder vorher umfüllen.

Fazit: Trinken macht in Deutschland definitiv mehr Spaß – in Kanada hat man dafür Anreize, weniger zu trinken und dadurch gesünder zu leben. Stattdessen kann man sich dann halt ganz gemütlich in der Innenstadt einen Joint anzünden.

Rauchen

Und damit sind wir auch schon beim Rauchen. Generell ist der Nichtraucherschutz hier strenger als in Deutschland und auch die Praxis des (Zigaretten) Rauchens ist hier definitiv verpönter als zuhause. Vor öffentlichen Gebäuden muss im Umkreis von 6-7 m von Türen, Fenstern und Lufteinlässen Abstand gehalten werden, das selbe gilt für Bushaltestellen und die Strände und Parks sind – zumindest laut Gesetz – in Vancouver komplett rauchfrei. Für Nichtraucher wie Tine ist das im Vergleich zum immer noch recht verqualmten Deutschland tatsächlich mal eine nette Überraschung. Dafür läuft man eher Gefahr, in die riesigen Dampfwolken der ‚Vaper‘ zu laufen. Je nachdem, wie dicht der Nebel da ist, kann man sich da auch gerne mal verlaufen ;). Dafür riecht es dann halt nach Erdbeere, Pfannkuchen mit Ahornsirup oder Kaffee. Wer sich aber am Geruch von Marihuana stört, wird hier leider nicht so glücklich. Der Umgang mit Cannabis war schon vor der Legalisierung im Oktober 2018 sehr lax. Kiffen in der Öffentlichkeit ist definitiv sogar gängiger als Trinken – weil legal. Deshalb riecht es auch in der Innenstadt zu fast jeder Zeit eher wie in Amsterdam. Mein Geschmack ist das zwar nicht, aber das lässt sich auch aushalten. Und viele Menschen finden das tatsächlich angenehmer als Tabakgeruch.

Ergebnis?

Und wer gewinnt jetzt? Ehrlich gesagt: Ich könnte keinen klaren Sieger benennen. Wenn die Strecke nicht so weit wäre, würde ich gerne zwischen Deutschland und Kanada pendeln: Unter der Woche zum Arbeiten in Deutschland und am Wochenende die Natur in Kanada genießen.

Bisher ist das leider nicht praktikabel, bis also Teleportation alltagstauglich ist, müsst ihr euch gut überlegen, ob sich für euch ein längerer Aufenthalt im großen weißen Norden lohnt, oder ob ihr dann doch lieber in den Schwarzwald fahrt.

Vier Personen sitzten auf Felsen mit einer Meeresbucht mit Inseln im Hintergrund
Wandern mit Freunden ist einfach am Besten

Langfristig würden wir aber vermutlich eher zu Deutschland tendieren. Vielleicht ist das auch eine Sache des Heimatgefühls und der Gewohnheit. Es gibt viele Kleinigkeiten, die wir vermissen: Schokobons, Raclette und ein entspanntes Bier in einem Park zu trinken. Am Meisten aber, und das ist auch das Wichtigste: Menschen. Familie und Freunde. Und wir freuen uns jetzt schon darauf, euch alle bald wieder zu sehen.

2 Kommentare bei „Deutschland vs. Kanada“

  1. Schön, ihr verwendet Karten, um Daten anschaulich zu machen 🙂 ich persönlich bin vielleicht nicht der größte Fan der Mercator-Projektion, sondern bevorzuge gerade an den Polen die Mollweide Projektion, da diese die Flächen viel akurater darstellt, allerdings ist das in diesem Fall des Vergleichs bloß halb so schlimm, da das Tool die Fläche der Länder auf die Breitengrade anpasst 🙂

    In anderen Worten: find ich cool

    1. Na klar, als alter landkartenhase bin ich mir natürlich auch der Nachteile von Mercator bewusst. Da diese Projektion aber die vermutlich populärste ist, dient die Webseite, von der der Screenshot stammt eben dem Zweck, den Menschen die Schwächen und Verzerrungen eben jener Projektion aufzuzeigen. Dass die Breitengrad einigermaßen passen, ist natürlich ein schöner Nebeneffekt. Persönlich bevorzuge ich zum Beispiel AuthaGraph: https://en.m.wikipedia.org/wiki/AuthaGraph_projection#/media/File%3AAuthagraph_projection.jpg
      Mollweide erinnert mich immer an meine Kindheit und Atlanten in der Schule 🙂
      In anderen Worten: Danke

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