Glacier Nationalpark – Ein verstecktes Paradies

Pirmin macht einen Handstand im Glacier Nationalpark

Lisa-Marie möchte gerne etwas über unser schönstes Reiseziel 2019 hören. Was für ein glücklicher Zufall, dass ich gerade schon wieder vom Glacier Nationalpark träume, Fotos anschaue und jedem, der es hören will erzähle, wie viel schöner als Yellowstone das doch war. Doch halt, langsam und von vorne:

Nachdem uns der Besucherandrang im Yellowstone gegen Ende unseres Aufenthalts doch etwas zu viel geworden ist, machen wir uns relativ frohen Mutes auf den Weg in den Glacier Nationalpark. Den hat Tine eigentlich komplett selbst ausgesucht und auf die Liste gesetzt. Der Weg dahin führt durch das wunderschöne Montana und wir sehen zwischendurch auch mal wieder ein bisschen Sonne. Mittagessen gibt es für uns im Walmart, bevor wir dann am Rande eines heftigen Hagelsturms entlang fahren und ein Blitzeinschlag in der Nähe unseren Puls ganz schön in die Höhe treibt.

Da Tine erst mal fährt, kann ich heimlich den Nationalpark recherchieren, damit ich dann nicht ganz so ahnungslos dastehe. Der Glacier Nationalpark ist bekannt für sein gut erhaltenes Ökosystem: Flora und Fauna aus der Zeit der europäischen Besiedlung Besetzung sind immer noch vollständig erhalten. Von den namensgebenden Gletschern lässt sich das leider nicht behaupten. Von 150 Gletschern im Jahr 1890 sind heute noch 25 übrig, Trend sinkend und die Nationalparkbehörde rechnet damit, dass auch die bis 2030! verschwunden sein werden. Mit dem angrenzenden Waterton Nationalpark (Kanada) bildet Glacier übrigens den weltweit ersten internationalen Friedenspark über zwei Ländergrenzen hinweg.

Wir halten zwar zwischendurch auch immer wieder an – unter anderem am Schwanensee – aber wir legen auch echt gut Strecke zurück. Als wir dann schließlich spät abends an unserem Campingplatz ankommen, ist die Sonne gerade spektakulär untergegangen. Das tut unserer Laune aber keinen Abbruch, denn immerhin ist es nicht ganz so kalt wie im Yellowstone und die kleine Hütte ist ganz schnell aufgeheizt.

Wo geht es hier denn zum Gletscher?

Im Vorfeld haben wir schon herausgefunden, dass die Going-to-the-sun-road vermutlich noch einen weiteren Monat gesperrt bleiben wird – weil da noch Schnee liegt. Also informieren wir uns erst mal im Besucherzentrum über die aktuelle Lage. Und kaufen uns für den letzten Nationalpark auf unserer Reise doch noch ein Bärenspray. Weil unser Bauchgefühl es so will. Und weil wir vielleicht insgeheim hoffen, noch Bären von Nahem zu sehen und uns dabei trotzdem sicher fühlen wollen.

Durch die Straßensperrung auf die Westseite beschränkt fahren wir am ersten Nachmittag erst mal soweit wie möglich in den Glacier Nationalpark hinein. Zwischendurch gibt es ein kleines Verkehrschaos, weil im Dickicht neben der Straße schon der erste Schwarzbär herumtrollt. Weil wir aber einen Park Ranger hinter uns haben, bietet sich leider keine Gelegenheit, diesen Augenblick zu genießen. Macht aber nix. Wir sind auch so schon von der Aussicht, den Seen und Bergen und der Natur um uns herum ganz entzückt. Fühlen uns irgendwie direkt wie zuhause. Alles da, außer Gletscher. Weil die letzten Exemplare dieser Art verstecken sich dann soweit oben, dass man da halt noch nicht hinkommt.

Schmelzwasser ohne Ende

Dafür sieht man ihre Spuren: Langgezogene Seen in tief eingeschnittenen Tälern, gefüllt mit diesem türkisblauen Schmelzwasser in das wir uns in Banff und Jasper schon verliebt haben. Links und rechts Berge, Bäume und Wasserfälle. Die Natur hat sich hier ganz schön Mühe gegeben. Wir sind dagegen eher faul unterwegs und unternehmen am ersten Tag nur eine kleine Wanderung am Avalanche Creek Campground. Dort führt der Trail of the Cedars auf Holzbohlen durch den Wald. Und hier merken wir auch: Gerade im Kontrast zu Yellowstone ist uns so eine Landschaft doch deutlich lieber. Die Luft riecht einfach fabelhaft und es hat etwas beruhigendes, zwischen moosbewachsenen Bäumen an einem Bach entlang zu gehen. Auf dem Rückweg halten wir dann noch an diversen Aussichtspunkten ohne große Spaziergänge, weil es dann doch recht schnell Abend wird. Dafür genießen wir dann den Sonnenuntergang am Ufer des Lake Mcdonald und ich übe fleißig meinen Handstand (sh. Titelbild).

Bergluft schnuppern

Tine liegt auf einem Baumstamm im Wasser
Der letzte Sonnenplatz – gleich mal reserviert

Tag zwei beginnen wir mit einem kleineren Spaziergang beim Rocky Point, der uns ans felsige Westufer des Lake Mcdonald führt. Dort genießen wir es, den Streifenhörnchen beim Spielen zuzusehen und dabei von Mücken zerfressen zu werden. Am Parkplatz versorgen wir deshalb ein älteres Ehepaar mit Mückenspray, damit die nicht das gleiche Schicksal erleiden. Im Gegenzug erzählen die beiden uns, dass sie kurz vorher noch einen Grizzly aus nächster Nähe sehen konnten. Und das genau auf dem Wanderweg, den wir uns als Nächstes auf den Plan gesetzt haben: Den Avalanche Lake Trail. Das bedeutet für uns natürlich, dass wir da so schnell wie möglich hin müssen. Das Wandern macht heute aber so richtig Spaß. Generell glauben wir, dass die Aussicht auf Bären ein sehr guter Motivator für schnelle Fortbewegung sein kann. Entweder läuft man hin, um sie zu sehen, oder ganz schnell eben weg, um nicht gefressen zu werden. Gute Sache, so ein Bär.

Wir kommen aber ganz bärenfrei aus eigener Antriebskraft am Avalanche Lake an. Tine krallt sich direkt den letzten Sonnenplatz auf einem Baum, der umgestürzt ins Wasser hineinragt. Ich benutze lieber mein Teleobjektiv als Fernglas und zähle Wasserfälle. Da ich nicht gut zählen kann, muss als Ergebnis „Einige“ herhalten. Nachdem wir dann noch kurz was gesnackt haben, wird es auch schon wieder Zeit für den Rückweg. Im Dunkeln möchte man dann hier doch nicht durch die Berge kraxeln.

Tierbegegnungen – endlich

Ein Reh läuft auf dem Wanderweg

Als wir dann so nichtsahnend schon im halbschummrigen Dämmerlicht durch den Wald stapfen, hören wir auf einmal ein Rascheln und Knacken im Unterholz. Zwei Rehe laufen seelenruhig auf uns zu und fangen an, ein paar Meter hinter uns den Wanderweg hinaufzutrotten. Ist vermutlich entspannter, als sich den Weg durch das Unterholz zu bahnen. Für uns natürlich trotzdem ein Highlight, weil wir diese Gelassenheit bei Wildtieren aus Europa so nicht kennen. Diese Gelassenheit erleben wir dann ein paar Minuten später gleich noch einmal.

Ein Bär am Bach

In aller Seelenruhe läuft nämlich noch ein Schwarzbar ein Stück am Bach entlang und verschwindet dann im Wald. Das geht so schnell, dass ich gerade noch die Kamera ein bisschen draufhalten kann. Natürlich verwackelt, denn ich bin so aufgeregt und mit Gucken beschäftigt, dass ich die Kamera eigentlich total vergesse, während ich am Filmen bin. Viel Wichtiger ist aber eh, den Moment zu genießen und für mich war diese Tierbegegnung mit Abstand die Beste der gesamten Reise: Weder Bär noch Mensch wurden in irgendeiner Art und Weise beeinträchtigt und wir mussten unser Spray nicht einsetzen. Und als wir uns dann noch umschauen, bemerken wir, dass wir die einzigen Leute auf diesem Abschnitt des Weges sind und niemand außer uns den Bären gesehen hat. Wir haben diesen Moment einfach komplett für uns alleine. Geil!

Einfach mal ausspannen

Nach so viel Aufregung haben wir uns dann auch ein wenig Entspannung verdient. Nach monatelangem Entzug packen wir endlich wieder unsere Lieblingshängematten aus und schaukeln mit Quesadillas zum Abendbrot in den Sonnenuntergang. Wir müssen Kraft tanken für morgen. Ihr erinnert euch an die gesperrte Straße, die durch den Nationalpark führt? Wir wollen natürlich trotzdem auf die andere Seite und das bedeutet, einen mehrstündigen Umweg in Kauf zu nehmen. Der führt zwar auch durch schöne Landschaft, aber am Ende dann vor allem in die Feuerprobe für Red Beast.

Google Maps führt uns fälschlicherweise auf einen Feldweg, der immer holpriger und immer matschiger wird. Wir durchqueren einen Bach und kämpfen uns über Felsbrocken, die aus dem Weg herausragen. Bis wir dann vor uns einen stecken gebliebenen Kleinwagen im Matsch entdecken. An dem müssen wir entweder vorbei oder umdrehen und alles wieder zurück. Sunk Cost Fallacy kommt mir da aus dem Studium wieder in den Sinn, aber was ist das Leben schon ohne Risiko? Mit ein bisschen Schwung und Allrad meistert unser Beast auch diese Hürde problemlos und von da an haben wir es relativ leicht. Wir tuckern im Abstand von 100m hinter einem alten Herren auf einem Traktor hinterher, der uns immer genau vor unserer Nase die Weidenzäune wieder verschließt. Das bedeutet für uns, dass wir dann immer selbst aussteigen und uns durchlassen müssen, während er sich weiter vorne mit dem nächsten Zaun abmüht. Es könnte ja so einfach sein, aber der Mann hat die Ruhe weg.

Glacier Nationalpark von Osten

Nach diesem Abenteuer flüchten wir uns am Two-Medicine Lake dann direkt wieder in die Natur. Am Biberteich halten wir noch vergeblich Ausschau nach Tieren, aber außer ein paar Fröschen ist da nix. Ich denke eigentlich, wir laufen nur bis zum Wasserfall, aber Tine kraxelt dann voraus, einen kleinen Gebirgspfad entlang, der streckenweise immer noch schneebedeckt ist. Das ist zwar schön zur Abkühlung, aber wir brechen auch immer wieder ein bisschen ein und haben am Aussichtspunkt dann kalte Füße. Dagegen hilft natürlich noch mehr Bewegung und so hampeln wir ein bisschen vor der Kamera herum. In diesem Internet-Dings haben wir nämlich mal Lichtbilder gesehen von Menschen, die vor schönen Landschaften in die Luft springen. Das wollen wir auch. Merken aber schnell, dass das gar nicht so einfach ist. Dazu braucht es nämlich Timing. Und das müssen wir wohl im Auto vergessen haben. Macht aber nix, wir springen gerne und viel und am Ende kommt dabei sogar was brauchbares rum. Hat sich schon gelohnt.

Sonnenträume

Weil wir so viel rumgetrödelt und rumgeblödelt haben, wird es langsam schon dunkel, als wir uns auf den Weg zu unserer Unterkunft machen. Wir müssen dazu aus dem einen Tal wieder komplett herausfahren, dann weiter nach Norden und in das nächste Tal hinein. Dabei halten wir unterwegs dann einfach an und genießen das spektakuläre Alpenglühen und die Ruhe. Außer uns ist kaum jemand unterwegs und so haben wir den kleinen Aussichtspunkt fast ganz für uns alleine. Am Campground genießen wir noch den Sternenhimmel und ein Bierchen, schreiben ein paar Postkarten und stellen uns den Wecker auf viel zu früh. Wir wollen uns im Park den Sonnenaufgang ansehen und der findet leider zu unmenschlichen Uhrzeiten statt. Gefühlt steigen wir also nach einer halben Stunde Schlaf schon wieder ins Auto, fahren zum St. Mary Lake und setzen uns auf einer Landzunge über dem Wasser hin, um die Sonne zu begrüßen. Klugerweise haben wir Tee und Decken eingepackt und so genießen wir trotz der morgendlichen Frische diesen besonderen Moment.

Na wer ist denn das?

Weil es gleich danach zuzieht und ein bisschen zu regnen anfängt, entscheiden wir uns gegen die Wanderung zu den St. Mary Falls und halten einfach mit dem Auto an ein paar Aussichtspunkten. Dort bekommen wir zum Abschied auch noch einen Regenbogen geschenkt und treffen noch auf ein Tier, bei dem wir vermuten, dass es sich um ein Murmeltier handelt. Das war zwar relativ scheu, aber auch relativ interessiert an uns und so stehen wir uns einfach gegenüber und bewundern uns gegenseitig.

Aller Abschied ist schwer

Wir reißen uns schweren Herzens gegen Mittag aber von dieser wunderschönen Landschaft los, weil wir wieder zurück nach Kanada müssen. Unser nächstes Abenteuer wartet schon auf uns: 2 Monate Vollzeit arbeiten im Foodtruck. Im Herzen werden wir aber immer die Erinnerung tragen an diesen wunderbaren Nationalpark mit den vielen Tieren und dem späten Schnee. Und wir wollen definitiv nochmal zurück, wenn die Straßen nicht gesperrt sind. Aber das ist eine Reise für einen anderen Tag.

4 Kommentare bei „Glacier Nationalpark – Ein verstecktes Paradies“

  1. Hallo ihr Lieben, wie schön auf diesem Weg mal wieder mit euch zu reisen. Auch wenn ich es total genieße, dass ihr gerade hier zu Hause seid und ich es schon mündlich gehört/miterlebt habe. Fühlt euch feste gedrückt und auf’s liebste gegrüßt Mum

    1. Hihi, dann hast du ja gleich das Beste aus beiden Welten 🙂

  2. Lieber Pirmin,
    wieder ein schöner Rückblick. Nehmen daran teil. Ihr werdet es in Erinnerung behalten. Bloß gut das der Bär/Grissly weiter weg war.
    Genießt noch die Zeit zu Hause. Das nächste Abenteuer wartet schon auf Euch!
    Liebe Grüße
    von 0+0

  3. Vielen Dank euch beiden!
    Wir waren auch froh, dass wir den Bären so ungestört beobachten konnten, ist ja für Mensch und Tier so am Besten!

    Auf das nächste Abenteuer freuen wir uns auch schon und nehmen euch auch da gerne mit 🙂

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.